Die Stigmatisierung von Führungskräften mit psychischen Erkrankungen

POLAVIS im Gespräch mit Dr. Regina von Einsiedel über psychische Erkrankungen bei Führungskräften und deren Stigmatisierung in der Gesellschaft.

Von Einsiedel-Institut für professionelle Beratungen, Coachings & Therapien.

POLAVIS

Frau Dr. von Einsiedel, Sie sind Chefärztin im Medizinischen Zentrum für Gesundheit Bad Lippspringe und befassen sich neben dem Fach der Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie insbesondere mit Burnout und psychischen Störungen bei Menschen im berufsfähigen Alter. Können Sie uns sagen, gegen welche Stigmatisierung psychisch kranke Menschen im Arbeitsleben häufig zu kämpfen haben und was man dagegen tun kann und auch sollte?

Dr. Regina von Einsiedel

Ich leite Kliniken, so wie Sie das schon gesagt haben. Eine Reha-Klinik für Abhängigkeitserkrankungen und eine Reha-Klinik für Psychosomatik und ich habe auch ein eigenes Institut für Beruf und Gesundheit und ich coache Führungskräfte, Manager, Topmanager sozusagen vor Ort, in ihren Unternehmen. Und in den Kliniken ist es so, dass die Patienten auf jeden Fall mit Stigmatisierung zu kämpfen haben, sobald sie psychische Erkrankungen haben, sobald sie Suchterkrankungen haben. Bei den pathologischen Spielern, das nimmt ja auch zu, diese nicht-stoffgebundenen Süchte wie Internetsucht, Spielsucht, Handysucht. Die sind noch nicht so stigmatisiert, das ist noch nicht so in aller Munde und auch noch nicht so durch die Medien gegangen. Wenn man von Stigmatisierung und psychischen Störungen spricht, werfen die Laien die Dinge alle in einen Topf. Aber wir Fachleute unterteilen das. Wir haben auch einen Diagnose-Katalog, der so ungefähr 9 unterschiedliche Kategorien hat. Und wenn man sich damit befasst, mit Menschen, die im arbeitsfähigen Alter sind, da hat man in erster Linie mit depressiven Patienten zu tun und dann oft aber auch mit Leuten, die psychosomatische Erkrankungen haben. Also die haben das Gefühl und sind absolut davon überzeugt, dass sie eine körperliche Erkrankung haben, die organisch-tätigen Ärzte finden nichts. Also geht man davon aus, dass es etwas Psychisches ist, was für die Patienten oft sehr stressig ist zu erkennen. Dann sehen wir Patienten mit Schizophrenien eher selten, denn sie können in der Regel nicht dauerhaft arbeiten, weil die Störung doch auch sehr schwer sein kann, auch wenn man eine gute Prognose haben kann. Aber die Arbeitsfähigkeit ist damit sehr eingeschränkt. Dann sehen wir auf jeden Fall Leute mit Angst- und Zwangsstörungen und auch mit Persönlichkeitsstörungen. Und sowas wie Anpassungsstörungen. Also ich habe was von außen, irgendein Schicksal, irgendein Ereignis, dadurch werde ich psychisch krank. Wäre das Ereignis von außen nicht gekommen, wäre ich auch nicht psychisch krank geworden. Und das, was die Medien “Burnout” nennen, was wir Ärzte niemals so nennen würden, medial geschürt, das muss man auch differenzieren. Und ich tingle auch mit Vorträgen durch die Gegend, “Burnout und seine Geschwister”, denn das ist etwas, das in der Gesellschaft nicht so richtig dargestellt wird. Wie gesagt, medial geschürt. Ja und die Leute, die in die Klinik kommen, da gucken wir natürlich erstmal, was haben sie für eine psychische Störung. Kommt die von außen, ist es irgendwie durch eine berufliche Geschichte passiert oder ist es eine Erkrankung, die man einfach in sich hat. Und man hat besonderen Stress, Vulnerabilitätsstress nennen wir das. Ich habe eine Bereitschaft und ohne Stress werde ich nicht krank, aber mit den Stressfaktoren werde ich krank. Das gucken wir uns an, was ist die Ursache. Dann behandeln wir zweisträngig. Wir gucken auf der einen Seite, was müssen wir machen für die Störung. Vor der Behandlung kommt immer eine Diagnose. Und dann kommt die Behandlung. Ich habe ja schon diese Spektren erzählt, von Sucht bis Depression bis Persönlichkeitsstörung. Man kann sich vorstellen, dass die unterschiedlichen Störungen   unterschiedliche Therapien erfordern, oft eine Kombination von Medikamenten und auch eine Psychotherapie. Das schauen wir uns als erstes an und dann behandeln wir in der Klinik auch berufsspezifisch orientiert. Dazu haben wir berufsspezifische Psychotherapie entwickelt, weil der Mensch ja mit seinen Persönlichkeiten und Eigenschaften nicht zur Arbeit geht und die Persönlichkeit dann am Garderobenhaken ablegt, sondern er nimmt sie ja mit, mit all seinen Eigenschaften, Ängsten, Wünschen, Defiziten und auch Ressourcen. Und dann schauen wir, was kann man auch machen, um dem Patienten auch beruflich zu helfen.

POLAVIS
Sie haben ganz am Anfang auch schon angesprochen, dass Sie viel mit Führungskräften und Managern zusammenarbeiten. Haben Führungskräfte gehäuft mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen und würden Sie sagen, dass es sich dabei auch eher um ein Tabu-Thema handelt, insbesondere auch wegen dieser speziellen Position?

Die Stigmatisierung psychisch erkrankter Führungskräfte - Dr. Regina von EinsiedelDr. Regina von Einsiedel

Also die normalen Leute, die arbeiten, wir nennen sie sozialversicherungspflichtige Menschen, das heißt, sie zahlen in die Rentenkassen, in die Pflegekassen ein, sie gehen einer Arbeit nach und das System behandelt auch die Krankheiten. Sie sind schon ordentlich stigmatisiert, sie werden ausgegrenzt, sie werden schlecht behandelt, sie geraten in eine soziale Isolation und kommen oft aus diesen Störungen nicht raus. Bei den Managern, bei den Führungskräften ist das nochmal eine ganz andere Nummer. Also heute hier auf den Kongress bin ich auch eingeladen worden, darüber zu referieren, ob Aufsichtsräte und Geschäftsführer sich für die psychische Gesundheit ihrer Manager interessieren müssten. Und die Antwort lautet natürlich: ja. Ich selber propagiere sogar Psycho 1.0 und nicht nur Industrie 4.0. Es ist so, dass die Führungskräfte, wenn es auffällig wird, dass sie berufsbedingt psychische Symptome entwickeln, dann sind sie extrem einer Stigmatisierung ausgesetzt. Oft ist es so, dass sie ihre Jobs verlieren, auch oft medial geschürt. Wer Manager ist und extrem hoch geleistet hat und dann Orangen züchtet, wird glücklich und gesund. So ist es natürlich nicht. Es ist so, dass der Arbeitsdruck enorm ist, die Arbeitslast enorm ist. Und die Leute laufen eigentlich ganz gut, bis auf einmal irgendwas in der Organisation oder im Betrieb sich verändert. Und dann kommt die eigene Psyche ins Spiel. Alles ist danach ausgerichtet, dass ich alle meine Bedürfnisse, die ich habe, erfüllt bekomme, dann bin ich auch erfolgreich und auf einmal gibt es ein Thema im System, auch ohne, dass man das weiß, 98 % des Bewusstseins, des Denkens und Fühlens ist unbewusst: Wenn da plötzlich irgendwas nicht funktioniert, dann kann ich nur in bestimmten Strukturen reagieren, nach außen. Schematherapeutisch sagt man, man kann entweder flüchten oder kämpfen oder man macht einen Selbstberuhiger. Und um so ein Beispiel zu nennen: ein Topmanager, der sich hochgearbeitet hat, als 15-Jähriger schon angefangen hat, zu arbeiten in einem weltweit agierenden Unternehmen, 30 Jahre im Betrieb war, es hat alles gut funktioniert und er hat super gut gearbeitet und dann wurde vom Vorstand her die Hierarchisierungsstruktur geändert. Er hat selber immer berichtet an den Vorstand und seine anderen Manager, die haben ihm berichtet, sodass er alle steuern konnte. Und auf einmal wurde das System geändert und es waren auf einmal 5 Leute, die direkt berichtet haben zum Vorstand und er selber war der Wichtigste und war für alles verantwortlich und das hat ihn total durcheinandergebracht. Und dann hat er, obwohl er extrem leistungsfähig war und die ganzen Jahre sehr glücklich war, Selbstwirksamkeit hatte, eine Zugehörigkeit hatte und auch eine Selbstsicherheit hatte, hat er angefangen Symptome zu entwickeln, so über anderthalb, zwei Jahre, Schlafstörungen, Schweißausbrüche, Angst, vermehrt Alkohol getrunken, 25 Kilo zugenommen, Diabetes entwickelt , war sich nicht mehr sicher, was er überhaupt arbeiten soll, hat seine beruflichen Probleme mit nach Hause genommen, ist in die Krise geraten und dann wurde es auch öffentlich sichtbar in Sitzungen. Und dann ist er sozusagen ins Coaching gekommen, ich fahre immer in die Unternehmen und coache dann einen Tag am Block vor Ort die Topmanager. Dann ist rausgekommen, dass eine alte Geschichte, die ihm gar nicht klar war, dass die ihn so unter Stress gesetzt hat. Und zwar war es so, dass sein Großvater ein grausamer Mensch war, er hat seinen Vater und die Geschwister extrem schlecht behandelt und als der Topmanager 6 Jahre alt war, da hat er diese Ungerechtigkeit wahrgenommen und er wollte seinem Vater und den Geschwistern helfen, so als kleiner Bub, und hat mit dem Großvater gesprochen und der Effekt war, dass er noch grausamer war als vorher. Dann hat er das sozusagen verinnerlicht, das waren seine inneren Antreiber und Kritiker: auf keinen Fall die Kontrolle verlieren, immer alles im Auge haben, für alle immer alles gut machen, damit das Leben gerecht läuft und wenn ich nicht die Macht habe, das zu regeln, dann komme ich innerlich unter Druck. Das war die Geschichte dahinter, das haben wir so zwiebelschalenmäßig herausgearbeitet und als das klar war, konnte er wieder seinen Job machen und konnte sogar noch weiter aufsteigen. Was andere überhaupt nicht stört, bei manchen, wenn man so einen Knopf drückt, die hintere Bühne berührt, wo man so Empfindlichkeiten hat, wo das Denken und Fühlen nicht so ganz glatt gelaufen sind. Dann auf einmal kann man nicht mehr richtig reagieren nach außen. Und das bearbeiten wir im Coaching. Und es ist so, dass die Leute heimlich kommen, also der Werksarzt ruft an, in großen Unternehmen und sagt: Ich habe hier jemanden, der hat wirklich deutlich psychische Symptome. Und wenn das so weitergeht, kann der nicht mehr arbeiten. Können Sie mal kommen? Und dann komme ich und dann schaue ich mir an: Wie sind die Strukturen in den Unternehmen, also ist es der Manager oder ist es die Struktur? Passen die beiden Sachen zusammen? Und dann arbeiten wir uns so zwiebelschalenförmig immer mehr heran an das Problem. Meistens ist es so etwas aus der Kindheit, aus der Jugend, was man so falsch programmiert hat, wie so ein Schrott-Programm. Und man hat kein Update gemacht und wenn wir das aufgeblättert haben, dann können die Leute wieder gut arbeiten, das sind so die Interventionen, die wir haben. Und ja die Manager sind extrem gefährdet, stigmatisiert zu werden, die sind extrem gefährdet, psychisch krank zu werden. Es gibt aber kaum Untersuchungen. Es gibt eine Studie aus der SRH-Gruppe in Heidelberg, aus der Fachhochschule, die haben so knapp 300 Führungskräfte untersucht und sie haben nachgewiesen, dass Chefs besonders für, was die Medien “Burnout und Depressionen” nennen, was man ja auch differenzieren muss, dass sie davon gefährdet sind. Auf der einen Seite ist es eine psychische Isolation. Der Mensch ist ein Rudelwesen und sobald man in eine psychische Isolation gerät, und Leitung ist eine soziale Isolation, ist das ein großer Stressor. Oder wenn man ganz viel arbeitet und man bekommt nicht das zurück, was man meint, das man reingegeben hat. Wenn so ein Ungerechtigkeitsgefühl besteht, für die Arbeit, die man gemacht hat. Das sind die beiden großen Stressoren. Und wenn die chronisch da sind und immer wieder auftreten und man keine Chance hat, dagegen anzugehen oder man erkennt gar nicht, was die Stressoren sind, dann kommen Führungskräfte und auch andere Leute ziemlich unter Druck.

POLAVIS

Um noch mal zurückzukommen zu diesem Tabu-Thema unter den Führungskräften. Sie meinten auch in diesem Fall, den Sie geschildert haben, von einem Arbeitsmediziner beauftragt wurden und dann kommen Sie in dieses Unternehmen. Wird das Thema denn quasi im gesamten Unternehmen thematisiert oder sprechen Sie nur mit einzelnen Personen? Das würde ja auch wieder dafürsprechen, dass es sich hier um ein Tabu-Thema handelt und nicht nach außen getragen werden soll. Oder wie kann man sich das vorstellen?

Dr. Regina von Einsiedel

Absolutes Tabu-Thema. Also ich bin ja dafür, die psychischen Erkrankungen zu destigmatisieren. Dafür stehen wir Psychiater, wir Psychotherapeuten und wir Psychologen.

Es ist nicht in Ordnung, dass man, wenn man nur mit dem Kopf arbeitet, dann ist es ja klar, dass man psychisch krank wird und nicht körperlich krank wird. Wir finden es nicht in Ordnung, dass man dafür stigmatisiert wird. Da arbeiten wir auf allen Ebenen dagegen. Und in Betrieben ist das ein absolutes Tabu-Thema. Die Realität zeigt, dass da wirklich keiner drauf achtet, ob die Führungskräfte psychischen Druck haben, ob sie das noch aushalten können. Die kriegen immer mehr aufgeladen und oft sagen sie auch nicht nein oder merken selber gar nicht, wie sie in dem System sind. Und jeder Mensch bei uns in Deutschland hat einen guten Zugang zum Gesundheitssystem, also jeder Alkoholiker, jeder Homeless, jeder Arbeiter, jeder Angestellte. Alle haben die Chance, das Gesundheit System zu benutzen, aber bei den Führungskräften ist das schon dramatisch. Wenn da klar wird, sie gehen über die Krankenkassen, haben psychische Diagnose oder waren gar in psychischen Einrichtungen, dann werden sie stigmatisiert, weil keiner richtig aufgeklärt ist über die Erkrankung. Und es ist ein Riesenproblem, wie man das machen soll. In großen Unternehmen gibt es Werksärzte. Meistens sind das die leitenden Ärzte, sie sehen dann ihre Führungskräfte und diese berichten dann, es geht ihnen schlecht, dann beurteilt der Arzt, muss er mit mir in Kontakt kommen und dann ist auch die Frage, wie wird das System überhaupt bezahlt, wenn ich komme. Ich will ja auch Geld dafür haben, ich mache das ja nicht umsonst, obwohl ich das unheimlich gerne mache. Dann ist die Frage, wie macht man, dass man es nicht ins Gesundheitssystem gibt. Und es gibt so ein Beispiel von jemanden der gesagt hat: “Es war so gut von Ihnen gecoacht zu werden. Hätte ich das gewusst, hätte ich mein Leben ganz anders geplant. Ich will mich jetzt outen.” Sowohl der Werksarzt als auch ich haben ihm davon abgeraten, weil wir wissen, wie stigmatisiert man ist. Und dann hat er gesagt, das muss man doch nach außen tragen, das müssen die Leute doch wissen. Ich bin der Meinung man muss das top down machen. Von den Hierarchieebenen von oben nach unten und nicht von unten nach oben. Auch nicht, wenn es die Führungskräfte aufwärts geben. Und ein halbes Jahr später habe ich den Menschen wiedergesehen, dann hat er gesagt: “Wissen Sie was, ich habe jetzt eine Bewerbung bekommen von jemandem, da weiß ich, dass er einen Burnout hatte, den habe ich nicht genommen.” Also das Schicksal, was man selber hat, das findet man nicht so schlimm, aber das, was die anderen haben, das bewertet man und man wertet die Leute ab und man stigmatisiert sie und denkt, sie sind für immer psychisch krank. Und oft wird es ja auch mit der Schizophrenie in einen Topf geworfen, was ja völliger Quatsch ist.

POLAVIS

Ok, Sie haben das in dem, was sie bereits gesagt haben, bereits mit anklingen lassen. Können Sie nochmal kurz zusammenfassen, was Sie denken: Ob sich die Chefs der Chefs ausreichend um die psychische Gesundheit ihrer Führungskräfte kümmern und was Arbeitgeber konkret für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun können.

Dr. Regina von Einsiedel

Also wir haben jetzt auch das Präventionsgesetz, das gibt es seit 2015. Man sieht noch nicht so richtig, dass es bei uns in den Klinken oder in den Unternehmen angekommen ist. Es gibt immer noch Pläne, wie man präventiv oder auch für psychische Störungen eintreten kann. In Unternehmen ist es überhaupt kein Thema. Ich bin der Meinung, dass es auch sozioökonomische Folgen hat, wenn man sich nicht um die psychische Gesundheit seiner Mitarbeiter und auch seiner Führungskräfte kümmert. Die psychischen Erkrankungen gehen mit langen Krankheitszeiten, mit frühzeitigen Erwerbsunfähigkeitsrenten einher. Man kann im Beruf nicht mehr richtig leisten. Also es kostet auch. Es kostet die Gesellschaft, es kostet das Gesundheitssystem und die Betroffenen, die Familien haben ein großes, großes Leid. Es wäre gut, wenn die Vorstände, die Aufsichtsräte, die Geschäftsführer, die Manager so ausgebilden würden, dass sie gleich am Anfang ihrer Ausbildung nicht nur was über Organisations- und Prozessstrukturen, über Führung an sich lernen, sondern auch, wie sie selber strukturiert sind, was ihre empfindlichen Punkte sind, wann sie vielleicht nicht mehr so gut funktionieren. Und das, was wir Mentalisieren nennen, erlernen, dass man sich in den anderen reinversetzt und seine Sicht der Dinge sieht. Es wäre aus meiner Sicht auch klug, wenn in Aufsichtsräten und Beiräten und auch in Leitungspositionen von Unternehmen und Kliniken Psychiater und Psychotherapeuten tätig sein würden, um dieses Wissen einzubringen, um die Belegschaft gesund zu halten, psychisch gesund zu halten. Denn die Weltgesundheitsorganisation hat prognostiziert, dass im 21. Jahrhundert die psychischen Störungen die größte Gefahr im Arbeitsleben sind. Was nützt es, die Digitalisierung umzusetzen, Arbeitsprozesse zu modernisieren, wenn die Menschen, die Druck haben, gar nicht nachkommen. Und auf diesen Grund keine Rücksicht genommen wird, das wird sich auf die Gesellschaft und die Sozioökonomie auswirken. Ich wäre dafür, präventiv zu arbeiten. Präventiv ist das Zauberwort, nicht nur die Digitalisierung und Industrie 4.0, sondern auch Psycho 1.0 zu propagieren.

POLAVIS

Das war jetzt schon sehr stark auf die Führungskräfte ausgerichtet, vielleicht nochmal etwas Allgemeineres: Was sind aus Ihrer Sicht die psychischen Faktoren, die Arbeitnehmer im berufsfähigen Alter am meisten belasten?

Dr. Regina von Einsiedel

Also es ist so, wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, eine psychische Störung entwickelt, einschließlich Sucht, dann ist es so, dass es keine direkte Möglichkeit gibt, sowas wie eine Anschlussheilbehandlung zu machen. Also wenn jemand organisch krank ist, Krebs oder orthopädische Erkrankungen, dann kann man in der Akutklinik behandelt werden. Dann schreibt man einen Antrag, dann kommt man in die Rehaklinik und dann geht die Rehabilitation los, sozusagen als Anschlussheilbehandlung. Und in meinen Fächern, also in den Suchtklinken und auch in den psychosomatischen Rehakliniken ist es so, dass es eigentlich keine Nahtlosverfahren gibt. Und es wäre sehr gut, wenn die Leute ganz schnell nach den ersten Symptomen, die so deutlich sind, dass das Gesundheitssystem eingreifen muss, dass die Leute direkt zu uns in die Klinken kämen und nicht viele, viele Jahre darauf warten müssten, bevor sie dann die Chance haben, auf die Teilhabe im Sozial- und Arbeitsleben zu fokussieren aufgrund ihrer Störung. Und ich würde mir wahnsinnig wünschen, dass die Medien nicht auf Kosten der psychisch kranken Patienten immer solche Sensationsberichte schreiben würden, sondern wenn sie sachgerecht auf die Probleme eingehen würden. Im Moment gibt es ja eine neue Form z. B. über Plastik überhaupt zu reden, Plastik zu vermeiden, da gibt es eine Riesenkampagne. Wenn man sowas zu psychischen Störungen mal machen würde, dann müssten wir Fachärzte und Psychotherapeuten nicht so viel Aufwand betreiben, um auf die Seite der Patienten zu springen, um überhaupt eine Lanze für die Patienten zu brechen. Wenn es normal wäre, dass man psychisch krank werden kann, Symptome entwickeln kann, weil wir fast nur mit dem Kopf arbeiten, dann wäre es für die Gesellschaft und die Betroffenen wirklich gut.

POLAVIS

Ganz am Anfang unseres Interviews haben Sie schon mal das Stichwort “Work-Life-Balance“ anklingen lassen – was halten Sie persönlich von der Entwicklung insbesondere in den ganzen Start ups mit Tischtennisplatten, mit Bürohunden. Halten Sie das für eine positive Entwicklung oder stehen Sie dem kritisch gegenüber?

Dr. Regina von Einsiedel

Also wenn man sich die Werte und Ziele der unterschiedlichen Generationen anschaut – also die Veterans bis 1943, die Babyboomer bis 1966, das sind so Generationen, die müssen noch verarbeiten, dass ganze Generationen diese Kriegstraumata nicht psychotherapeutisch aufarbeiten konnten. Dementsprechend sind das die Werte und Ziele der Generation: “Was mich nicht umbringt, macht mich härter, Gefühle stell doch lieber in den Schrank. So ein Quatsch, was Sie erzählen über Work-Life-Balance, haben wir auch nicht gehabt.” Das sind ja oft die Leute, die die Leitenden sind in diesen ganzen Systemen, Instituten, Krankenhäusern, Unternehmen. Die Generation danach, also Generation X und jünger, bis zu den Digital Natives, die ja noch nicht in akademischen Berufen arbeiten, aber bald, da gibt es ein völlig anderes Wertesystem: “Was habt ihr mit unserer Umwelt gemacht? Ihr habt selber nicht dafür gesorgt, dass die Renten sicher sind. Wir wissen überhaupt nicht, wie lange wir arbeiten müssen und wenn wir so arbeiten sollen wie ihr – unser Leben ist unsere Arbeit – halten wir das bis zum Ende durch?” Das sind so die Generationskonflikte, die aufeinandertreffen. Ich bin absolut der Meinung, dass die ältere Generation sich einfühlen muss in die jüngere. Und die jüngere vielleicht aber auch nicht alles negieren sollte, was die ältere Generation so zu bieten hat und hatte. Ich finde dieses Arbeiten in den Start ups hoch interessant. Das hat aber auch was mit den Persönlichkeitsstrukturen zu tun. Wenn ich jemand bin, der so narzisstisch, hysterisch, histrionisch, ganz schnell Führungspositionen hat, ganz schnell denken kann, unheimlich intelligent ist, ganz viele Ideen hat, dann passt er vielleicht in so ein Start up. Aber wenn jemand eher so eine Persönlichkeit hat, so ein bisschen dependent, depressiv, dann kann er ja nicht in so einem Start up arbeiten, dann wäre er vielleicht besser in der Bibliothek aufgehoben oder in sonstigen Bereichen. Also man muss auch schauen, was hat jemand für eine Persönlichkeitsstruktur, wo soll es hingehen. Also ich finde das gut und ich bin fast ein bisschen neidisch. Ich möchte das auch gerne so haben.

POLAVIS

Welche Veränderungen in der Rehabilitationsbehandlung wünschen Sie sich für die kommende Jahre und wofür setzen Sie sich besonders ein?

Einsiedel

Ja, das habe ich ja schon gesagt, wir müssen unbedingt diese Sollbruchstellen kitten. Also die Kliniken, die über die Krankenkassen bezahlt werden, die sogenannten GKV-Kliniken, wo jeder hingehen kann und mit den Füßen abstimmen kann, die kümmern sich oft nicht um die Teilhabe am Arbeitsleben und am Sozialleben, sondern die machen die akuten Krankheiten und arbeiten kurativ. Wir haben wenig Verbindungen in den Rehakliniken zu den Akutkliniken. Ich habe früher auch Akutkliniken aufgebaut und geleitet. Deshalb kenne ich beide Seiten so genau. Die Rehakliniken sind eher auch damit befasst, nicht nur auf die Störung, sondern auch auf die Berufsfähigkeit zu fokussieren. Damit nicht so eine Bugwelle von der Rentenproblematik auf uns zukommt. Wenn die beiden enger zusammenarbeiten würden und Sollbruchstellen kitten würden. Wenn die Unternehmen das auch machen würden, mit den Akutkliniken und den Rehakliniken und wenn es ein System geben würde, das Früherkennung und Frühdiagnostik, früher Interventionen greifen könnte, das wäre gut, aber das ist natürlich ein unglaublicher Kostenapparat. Und Prävention heißt ja: ich gebe Geld aus für etwas, wo ich gar nicht weiß, ob es aufgetreten wäre. Und das ist natürlich sehr schwierig, dafür Gelder frei zu machen. Und oft wird auch argumentiert: Wenn wir kurativ arbeiten, wenn wir rehabilitativ arbeiten und präventiv arbeiten, dann werden die Zahlen der Patienten, die kurativ und rehabilitativ kommen, nicht kleiner und wir haben dann auch noch die präventiven Geschichten. Ich finde das sehr kurz gesprungen und ich wünsche mir, dass wir da eine bessere Zusammenarbeit hinkriegen und den verantwortlichen Gesundheitssystemen und Einrichtungen auch klar wird, dass es sich lohnt, dafür Geld auszugeben. Es muss unbedingt ein schnellerer Zugang zu uns Fachleuten gegeben werden, wenn man in einer psychischen Abhängigkeit ist oder es eine psychische Auffälligkeit gibt. Ja und die Medien müssen unbedingt anders berichten, sodass wir nicht so schlecht dastehen. Es geht ja schon los mit den Psychiatern – ist ja klar, dass der/die Psychiater geworden ist, guck dir die mal an, typisch. Also dass diese Bewertungen auf Kosten unseres Faches, auf Kosten unserer Patienten, dass das aufhört, dafür stehe ich eigentlich. Und dass die Führungskräfte besser trainiert sind, was denn Psyche ist und nicht die Psyche negiert wird.

POLAVIS

Dann danke ich Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.