Ellio Schneider: Prozessumstellungen in Kliniken dringend notwendig

 

POLAVIS im Gespräch mit Ellio Schneider, Geschäftsführer der Waldburg-Zeil Kliniken.

Die Prozesse in den Kliniken müssen so umgestellt werden, dass die Voraussetzungen für den Einsatz von digitalen Anwendungen geschaffen werden.

Ellio Schneider ist Geschäftsführer der Waldburg-Zeil Kliniken, einem Klinikverbund mit 12 Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen-Anhalt. Er und sein Team begannen damit, ein Digitalisierungsprogramm 2020 bis 2025 aufzusetzen. Dann haben sie sich die Kernprozesse angeschaut, die mit Versorgung, Ärzte, Pflege und Therapie zu tun haben. Ellio Schneider sagt, vor der Digitalisierung müssen die Menschen dort abgeholt werden, wo sie stehen.

Dann muss man schauen, wie man die Standards in den Kernprozessen der medizinischen Versorgung zusammenbringt und im dritten Schritt dann Software und Tools anschaffen, die beispielsweise die Dokumentation vereinfachen.

Das Change Management bringt dabei viele Prozesse zugleich auf den Tisch, denn die Aufgabeninhalte verändern sich und Digitalisierung führt zu einer Umstellung von funktionellen Arbeitsgruppen in Prozessabläufe.

Auch das Verhältnis Chef-Mitarbeiter verändert sich und die Begegnungen finden zunehmend auf Augenhöhe statt. Mitarbeiter und Führungskräfte müssen gleichsam den Umgang mit digitalen Lösungen lernen. Die unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen, Wissensstände und Erfahrungen gilt es dabei zu integrieren und Konflikte aufzulösen.

Digitalisierung und die einhergehenden Veränderungsprozesse heben Effizienzpotentiale in den Kliniken und können auch helfen, den Problemen des Fachpersonalmangels zu begegnen. Ellio Schneider ist überzeugt, dass rund 30-40 % der ärztlichen Aufgaben und der Pflegeaufgaben entweder delegierbar sind, nämlich auf andere Berufsgruppen oder entsprechende Hilfestellungen über digitale Anwendungen, sei es über Software-Pakete, sei es durch Apps, sei es über die Erfassung direkt draußen beim Patienten, direkt vor der Anreise. Das heißt aber: Es muss der Prozess auf Station so umgestellt werden, dass die Vorrausetzung für den Einsatz von Technologie möglich ist.

Die Dokumentation im Klinikalltag wird durch die Digitalisierung einfacher und weniger fehleranfällig: “Wo früher die Schwester auf dem Block in der Hand angekreuzt hat, der Arzt unleserlich geschrieben hat, Erfassungsfehler und Unklarheiten beim Lesen entstanden sind, gibt jemand in eine strukturierte Maske ein, füllt er Felder aus, die vorbelegt sind, die einen digitalen Workflow dahinter haben und die direkt in Echtzeit die Dinge verarbeiten, so dass die Schwester sieht, was verordnet ist, die Schwester sieht, was für Anweisungen auf Station da sind.”

Dadurch schwindet die Arbeit nach einmaligem Installieren der neuen Prozesse, nach einmaligem Installieren und Schulen der Mitarbeiter. Und über eine gewisse Routine fallen auch eine Menge von Aufwänden weg: Entschlüsseln, Suchen, nicht wissen, wo die Akte ist, nicht wissen, wo der Patient konkret ist. Digitalisierung führt zu besseren Abläufen, das spart Zeit und es werden Ressourcen frei, die man dann wieder am Patienten verwenden kann.

Herausforderungen und Skepsis gibt es natürlich auch. Ellio Schneider verweist auf die Grundsituation im Gesundheitswesen: “Ich würde gerne meinen alten Aufgaben behalten, ich würde gerne den alten Prozess behalten, ich würde gerne statt der digitalen ALEXA meine Schwester Emilia behalten. Das ist völlig klar. Das heißt, wir müssen versuchen, den Menschen die Angst um einen Arbeitsplatzverlust zu nehmen. Wir müssen versuchen, die Menschen davon zu befreien, dass Technologie schwierig ist, dass Technologie genutzt werden kann, um zu kontrollieren und dass Technologie genutzt wird, um dokumentierte Fehler gegen die Mitarbeiter zu verwenden.”

Ellio Schneider konstatiert: Wissen, Transparenz, ein neuer weiblicherer Führungsstil und Vertrauen sind maßgebliche Begriffe, um digitale Welten erfolgreich anpacken zu können. Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen, die dafür verantwortlich sind, dass Digitalisierung zum Erfolg führt. Und Erfolg heißt für ihn, Unterstützung und standardisierte Prozesse zu schaffen. Und in der Folge dann: Zeit am Patienten zu haben, Fachkräftemangel zu reduzieren und mit weniger Fachkräften die Kernleistung zu erbringen, nämlich am Menschen.

Kommentare

  1. Andreas Wittwer sagt:

    An alte Prozessen und deren Dokumentation, wenn überhaupt bereits vorhanden, sollte man nicht hängen, sondern es ist die Zeit, neue und zeitgemäße Prozesse mit Hilfe digitaler Apps zu modellieren. Bin gerade dabei, den klinischen Pfad von beispielhaften Erkrankungen, bekannten Prozeduren und Therapien (somit zu Fallstudien bzw. DRG) zu strukturieren, an markanten Stellen geeignete Checklisten, bekannte Berichtsvorlagen und manuellen ad hoc-Meldungen (QM, Schaden, Vorfall – wenn nicht bekannt) zu verknüpfen. Ja so manches Krankenhaus hat sich bereits vor mehr als 15 Jahren damit beschäftigt. Ein Blick darauf und man erkennt das klassische Prozessmanagement und die Modellierung, doch wer hat daraus die Workflows entwickelt und diese in der Praxis durchführbar gemacht. In meiner Hand habe ich ein iPad-Tablett, alle Eingaben sind live und unmittelbar auswertbar. Die Lösung ist auf die Patientensicherheit ausgerichtet, der evidenzbasierte Aspekt überwiegt. Der betriebswirtschaftliche Aspekt wird nicht vernachlässigt, was ja unser Gesundheitssystem mit dem umstrittenen Benchmarking mit Zeiten und Zahlen erwartet.

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