Entlassmanagement:
Tütenweise Medikamente und fehlende Röntgenbilder

Ein Jahr nach der Gesetzesänderung funktioniert das Entlassmanagement noch nicht.
Dr. med. York Dhein; Vorstandsvorsitzender der Johannesbad Gruppe, zeigt Stolpersteine auf und fordert Kostenträger und Gesetzgeber zum Handeln auf.

Dr. York Dhein

Von Dr. York Dhein

Ein Jahr gehört das Entlassmanagement nun zur gesetzlich vorgeschriebenen Aufgabe der Krankenhäuser. Im Oktober 2017 wurde im Gesetz zur Stärkung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG) in § 39 SGB V festgeschrieben, dass Akutkliniken Arznei-, Verband-, Heil- und Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege sowie Soziotherapie für einen Zeitraum von bis zu sieben Tagen verordnen und Arbeitsunfähigkeit feststellen können.

Ein Schritt, der aus Sicht der aufnehmenden Reha-Kliniken schon lange überfällig war. Aber wir stellen im Alltag fest: Die Akutkliniken handhaben dieses Thema sehr heterogen. Große Einrichtungen setzen Entlassmanagement zuverlässig um, doch kleinere Krankenhäuser können es noch nicht leisten. Das hat eine Umfrage im Rahmen unseres Qualitätsmanagements an unseren Standorten gezeigt.

Im „Rahmenvertrag über ein Entlassmanagement beim Übergang in die Versorgung nach Krankenhausbehandlung“ ist festgelegt: „Das Krankenhaus stellt den lnformationsaustausch mit den an der Anschlussversorgung des Patienten beteiligten Leistungserbringern sicher.“ Zwingendes Element ist der Entlassbrief mit dem dazugehörigen Medikationsplan. Dieses Dokument liegt uns nur bei etwa 80 Prozent aller Patienten vor, die in die Johannesbad Kliniken zu Rehabilitationsbehandlung kommen. Das birgt Fehlerquellen, kostet Zeit und Geld und bringt auch Ärger. Der Patient muss im Aufnahmegespräch seine Krankengeschichte noch einmal schildern, wichtige Informationen, die gerade für die Rehabilitation entscheidend sind, gehen dabei verloren. Fehlende Röntgenbilder oder Therapieempfehlungen verzögern den Behandlungsbeginn in der Rehabilitation; zielgerichtete Therapien können erst erfolgen, wenn alle medizinischen Dokumente vorliegen.

Der Blick auf die Zahlen ist ernüchternd: Gerade einmal zehn Prozent aller Patienten aus den Indikationen Orthopädie und Neurologie haben auch einen Medikationsplan im Gepäck, wenn sie in die Reha-Klinik kommen. Das hat eine Umfrage in unseren Johannesbad Einrichtungen ergeben. Und davon sind nicht alle digital lesbar, somit müssen die Daten nochmal digital erfasst werden, mitunter gehen so wichtige Informationen verloren. Und immer wieder kommen sogar Patienten mit Tüten voller Medikamente, ohne beigefügten Plan und Zuordnung zu Neben- und Wechselwirkungen.

Das Hauptproblem ist, dass es in Deutschland immer noch keine digitale Plattform gibt, um Daten standardisiert, zuverlässig und datenschutzkonform zwischen Akutkliniken und Rehabilitationshäusern auszutauschen. Hier ist definitiv die Politik gefordert, endlich zu liefern. Hier entstehen unnötige Kosten, Ressourcen werden gebunden, die letztlich in der Arbeit mit dem Patienten fehlen.

Digitalisierung kostet – lohnt sich aber

Aus Erfahrung mit unseren Akutabteilungen wissen wir in der Johannesbad Gruppe, dass das Entlassmanagement Aufwand und Kosten mit sich bringt. Krankenhäuser brauchen die passende Software, unter anderem um digitale Medikationspläne mit QR Codes zu erstellen. Wir arbeiten mit unserem Dienstleister bereits seit 14 Monaten an der Lösung für die Akutabteilungen in der Johannesbad Fachklinik Bad Füssing. Zum Jahresende – nach 16 Monaten Vorlauf – werden unsere Ärzte in den Akutabteilungen digital Medikamente verordnen können. Dafür haben wir viel Zeit und Geld investiert – die Investitionen liegen im sechsstelligen Bereich.

Der Reha-Branche steht das Thema noch bevor. Gerade hier macht das Entlassmanagement ausgesprochen Sinn, denn es soll ja den Übergang aus der Klinik in das Lebensumfeld des Patienten sicherstellen – und bewahrt dadurch auch die Erfolge der Rehabilitation. Die Rahmenbedingungen stehen noch nicht fest, noch ist das Schiedsamt damit befasst. Wir als Johannesbad Gruppe verfügen über insgesamt neun Reha-Einrichtungen, schon für uns als Unternehmen mit 2.600 Betten ist das Entlassmanagement eine Herausforderung. Für einzelne Reha-Kliniken ist das Thema kaum zu stemmen.

Das Hauptproblem ist die Vergütung für diese zusätzlichen Leistungen. Für ein 500-Betten-Haus benötigen wir weitere vier bis fünf Vollzeitkräfte, um ein professionelles Entlassmanagement abbilden zu können. Das muss zusätzlich vergütet werden, in einem Tagessatz von etwas mehr als 100 Euro für eine AHB Orthopädie ist das nicht zusätzlich leistbar.

Wenn wir verhindern wollen, dass so ein gutes Konzept wie das Entlassmanagement, das ja die Schnittstellen zwischen den Versorgungssektoren aus Sicht des Patienten verbessern soll, in der Versorgungswirklichkeit ankommen soll, benötigen wir angemessene Vorlaufzeiten für die Umsetzung und eine realistische Finanzierung. Sonst wäre wieder mal ein gutes Konzept in der Realität gescheitert.


Zum Autor

Dr. York Dhein ist Mediziner und Vorstandsvorsitzender der Johannesbad Gruppe, einem innovativen medizinischen Dienstleister mit 2.000 Mitarbeitern, neun Fachkliniken und Reha-Einrichtungen sowie vier Berufsfachschulen. Die Gruppe zählt zu den zehn größten Gesundheitsanbietern in Deutschland.

Johannesbad Gruppe

Die Johannesbad Gruppe gehört mit neun Fachkliniken, sieben Hotels und vier medizinischen Fachschulen für Physio- und Ergotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister zu den Top-10 der Rehabilitationsanbieter in Deutschland. Medizin, Hotellerie, Aus- & Weiterbildung sowie Betriebliches Gesundheitsmanagement bilden die vier Säulen der Gruppe. Das Portfolio der Johannesbads Fachkliniken in ganz Deutschland umfasst Rehabilitation, Anschlussheilbehandlungen sowie ambulante und Akuttherapien für Orthopädie, Urologie, Akutschmerztherapie sowie Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Zwei Fachkliniken sind spezialisiert auf die Therapie von Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Darüber hinaus bietet die Johannesbad Gruppe Präventions- und Rehabilitationsangebote für Kinder und Jugendliche sowie Eltern-Kind-Maßnahmen an. Die Leistungen in Betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) sind ganzheitlich angelegt und konzentrieren sich auf die Beratung sowie die nachhaltige Implementierung maßgeschneiderter Konzepte. Die Johannesbad Therme Bad Füssing komplettiert das Portfolio der Gruppe; sie zählt zu den größten Deutschlands.

Die Johannesbad Gruppe beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Gesamtumsatz von 130 Millionen Euro.

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