Beleidigungen, Übergriffe, Drogen – Digitalisierung gegen Gewalt in der Notaufnahme?  

Immer mehr Kliniken stehen vor der Herausforderung, sich mit aggressiven und gewaltbereiten Patienten, insbesondere in der Notaufnahme, auseinander zu setzen. Die Konfrontationen sind dabei nicht nur verbaler Natur, sondern äußern sich zunehmend auch in physischer Gewalt. So gaben in einer Studie der Hochschule Fulda 76 % des Personals an, mindestens einmal im Jahr Opfer von körperlichen Übergriffen zu sein. Jeder Zweite berichtete, zudem auch sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Werden die Ursachen für Ausschreitungen und Fehlverhalten hinterfragt, stehen an erster Stelle der Einfluss von Drogen sowie lange Wartezeiten, die das Aggressionspotenzial von Patienten schüren

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Michaela Hutzler, stellv. Pflegedirektorin vom Klinikum Weiden, die eine Umfrage unter Mitarbeitern durchführen ließ: „Es sind vor allem Männer, die aggressiv sind und das unter Alkoholeinfluss. Wir haben auch andere Drogenarten, die immer mehr direkt in die Kliniken reinkommen. Am häufigsten ist dies zwischen 18:00 Uhr und 24:00 Uhr der Fall“. Die alarmierenden Fakten verdeutlichen die Dringlichkeit für Kliniken, sich mit Fragen und Strategien der Gewaltprävention auseinanderzusetzen und diese in die betrieblichen Abläufe zu integrieren. Das Klinikum Weiden hat neben baulichen Maßnahmen und Personalschulungen eine eigene Strategie entwickelt, um Mitarbeiter in der Notaufnahme zu schützen und setzt dabei erfolgreich auf ein umfassendes, digitales Sicherheitsnetz. Sehen und lesen Sie das gesamte Interview mit Michaela Hutzler direkt im Anschluss.

 

Interview mit Michaela Hutzler, Stellv. Pflegedirektorin am Klinikum Weiden

Frau Hutzler, Sie sind stellv. Pflegedirektorin am Klinikum in Weiden und beschäftigen sich u.a. mit Gewaltprävention in der Notaufnahme. Mit welchen Fällen von Gewalt und Eskalation sind Sie konkret konfrontiert im klinischen Alltag 

Wir sind zum einen mit verbaler Gewalt konfrontiert und zum anderen mit körperlicher Gewalt. Ich habe eine Umfrage gemacht unter allen Mitarbeitern der zentralen Notaufnahme am Klinikum Weiden. 96 % der Mitarbeiter haben angegeben, dass sie schon einmal verbal angegriffen wurden.
66 % wurden im letzten Jahr auch körperlich angegriffen. Das Ergebnis hat mich in der Pflegedirektion wirklich erschrocken. Das wir vor allem mit so viel verbaler Konfliktbereitschaft seitens des Patienten und besonders in der Notaufnahme konfrontiert werden. Deshalb sind wir gezwungen bestimmte Schutzmaßnahmen anzupacken.  

 

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für Ausschreitungen und Fehlverhalten der Belegschaft gegenüber? 

Wir haben zum einen die intoxikierten Patienten. Es sind vor allem Männer, die aggressiv sind und das unter Alkoholeinfluss. Das wird immer mehr, das kommt immer mehr. Wir haben auch verschiedene Drogenarten, die immer mehr direkt in die Kliniken reinkommen. Am häufigsten ist es zwischen 18:00 Uhr und 24:00 Uhr. In dieser Zeit kommen gehäuft diese Gewalteinflüsse vor. Zudem gibt es lange Wartezeiten in der Notaufnahme. Wir haben circa 10.000 Patienten in einem Quartal. Da kommt es zu langen Wartezeiten und das erhöht natürlich dann die Aggressivität der einzelnen Patienten. Umso länger sie warten müssen, umso aggressiver werden sie und dann kommt es sehr leicht zu verbalen Angriffen.  

 

Welche Maßnahmen und Strategien hat das Klinikum Weiden konkret entwickelt um dem vorzubeugen und wie wirkt sich das eventuell auch auf die Zusammenarbeit im Stationsteam aus?  

Wir haben zunächst einen Sicherheitsdienst eingeführt. Der Sicherheitsdienst ist für das Pflegepersonal und für die Ärzte vor Ort da. Zum zweiten haben wir ein Sicherheitsnetz, das die Pflegekräfte haben. Sie haben an einem Halsband ein Tag hängen, ein Alarmierungssystem. Sie können dort drücken oder ziehen und es wird dann automatisch ein Alarm ausgelöst. Es wird dann ein Schneeballsystem ausgelöst. Die nächste Pflegekraft, die dieses Tag kriegt, bekommt den nächsten Alarm. So geht es dann weiter, damit eine Pflegekraft quasi niemals allein ist und auch schnell Hilfe bekommt über diese Alarmierungssysteme. Baulich haben wir natürlich auch Maßnahmen ergriffen, dass die Notaufnahme sozusagen abgeschirmt ist. Wir haben gute Rettungswege, gute Fluchtwege und Räume die man absperren kann. Also gute bauliche Maßnahmen und vor allem Prävention, Aufklärung des Pflegepersonals, Deeskalationstraining und Schulungen in konfliktfreier Kommunikation. So kann man ganz viel Gewalt schon im Vorfeld rausnehmen.  

 

Gibt es abgesehen von dem angesprochenen Alarmsystem noch weitere Möglichkeiten, wie man mit Digitalisierung Gewalt und Konflikte in der Notaufnahme entschärfen kann?  

Ja, Digitalisierung ist in diesem System wichtig. Die Alarmierungssysteme laufen auch über WLAN und der Standort wird aufgenommen, aber jede Pflegekraft trägt an einem Halsband ein Kästchen. Mit jeder kleinen Uhr, mit jedem Handy wird man automatisch geortet und kann einen Ruf absetzen. Also da einfach etwas smarteres, eine smartere Lösung in der Digitalisierung, wo man automatisch einen Alarm absetzen kann und auch unterschiedliche Alarme machen kann und dann wird einfach schneller alarmiert und desto schneller ist der Sicherheitsdienst auch da.  

Es gibt im Krankenhaus aber auch immer noch WLAN-Lücken und wir brauchen im Krankenhaus schon ein gutes WLAN-System, damit diese Netze dann natürlich auch funktionieren. Wo uns die Digitalisierung auch helfen würde, es ist immer ein bürokratischer Akt einen verbalen Übergriff auf Papier zu bringen und zu dokumentieren. Wenn ich hier einfach über Sprache was aufnehmen kann, was automatisch in den Computer geschrieben wird, würde das in der Dokumentation einfach helfen.  

 

Welche Aspekte sollten Ihrer Meinung nach zukünftig weiterhin optimiert werden, was wünschen Sie sich diesbezüglich für die Zukunft?  

Es sollte die Kommunikation mit der örtlichen Polizei verbessert werden. Die Polizei sollte sozusagen mit ins Klinikum geholt werden. Damit auch die Polizei aus ihrer Sicht sagen kann, wo man aufpassen muss oder wie sie es gerne hätten oder am besten da sein können. Wie soll beispielsweise das Alarmierungssystem zur Polizei aussehen? Und wenn man ein Klinikum neu baut, sollten Polizei, Architekt und Pflege an einem Tisch sitzen, weil man hier mit Baumaßnahmen schon vorbeugend gut helfen kann.  

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.