IT-Prozesse in Krankenhäusern: alte Zöpfe abschneiden!

Christopher Rehberg, Geschäftsführer in einem Beratungsunternehmen für Krankenhäuser und Gesundheitswesen, sieht das Thema „Prozessoptimierung im Krankenhaus“ aufgrund der beteiligten Mitarbeiter, die sehr stark den Menschen im Fokus sehen, als sehr schwierig. Ebenso stellen die hohen Kosten, die aktuell mit der digitalen Transformation der Krankenhäuser verbunden sind, Barrieren und Herausforderungen dar. Das Healthcare-Krankenhaus-Segment ist zudem sehr konservativ und innovative Unternehmen und Bestrebungen haben es hier schwer. Lesen Sie daher hier, wie die bestehenden IT-Prozesse in Krankenhäusern und die Chancen zur Prozesskonsolidierung und -optimierung bestmöglich genutzt werden.

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Krankenhäuser sollten alte Zöpfe abschneiden und neu beginnen, um durch eine Überarbeitung der bestehenden IT-Prozesse die Chancen zur Prozesskonsolidierung und -optimierung bestmöglich nutzen zu können. Oftmals ist die Weiterverfolgung der bisherigen Strategien nicht möglich. Die Systeme, die heute da sind, haben keine Möglichkeiten zur digitalen Prozessdarstellung. Hier sollte man neu beginnen und sich fragen: Wie kann man trotz der jetzigen Systeme übergeordnet digitale Prozessanalysen, -verwaltungen und Workflows platzieren, die die Kernsysteme nicht behindern, aber aus den Kernsystemen Prozessdaten empfangen.

Die IT kann dabei bestmöglich zu einer effektiven Datenkommunikation beitragen, indem die Anzahl der Schnittstellen möglichst stark reduziert wird. Die IT muss den eigenen Datenpool zu einer Datendrehscheibe ausbilden. Alle Systeme, die in einem Krankenhaus platziert werden, sollten nur mit einem System kommunizieren dürfen und das ist der zentrale Datenspeicher.

Barrieren und Skepsis bezüglich Usability und Akzeptanz der Technologien sieht Christopher Rehberg in analogen Prozessen verankert: Analoge Kräfte in einem Prozess haben immer Bedenken in der Digitalisierung. Sie wünschen sich eine Digitalisierung, aber es darf sich nicht viel ändern. Digitalisierung verändert jedoch immer. Pflegekräfte und Ärzte sind einem immer stärkeren Druck in der Taktung der Behandlung unterzogen. Es gibt zu wenig Personal und der Druck effizient zu arbeiten ist sehr groß. Ebenso groß ist die Angst, die Effizienz zu verlieren, weil die Elektronik zu sehr hemmt.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Würden Sie sich kurz vorstellen?

Mein Name ist Christopher Rehberg. Ich bin Geschäftsführer in einem Beratungsunternehmen für Krankenhäuser und Gesundheitswesen. Hier sind wir schwerpunktmäßig darauf fokussiert, Unternehmen, die in wirtschaftlichen oder strukturellen Probleme liegen, darin zu unterstützen, zurück in ein normales Geschäftsfeld, in eine normale Geschäftstätigkeit zu kommen. Mein Hauptaufgabenbereich ist IT-Prozesse und Organisationsstrukturen, das heißt die Erweiterung, die Vertiefung von Eingriffen in die Organisationsstruktur durch Digitalisierung und Veränderungen der Landschaften rund um die Gesundheitsversorgung.

Das klingt sehr spannend. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus bezüglich der Prozessoptimierung im Krankenhaus, vor allem durch digitale Technologien?

Das Thema Prozessoptimierung im Krankenhaus ist aufgrund der beteiligten Mitarbeiter, die sehr stark den Menschen im Fokus sehen, sehr schwierig und mit einigen, aus anderen Industriekreisen nicht bekannten, Schwierigkeiten verbunden. So kann sich ein Arzt oder eine Schwester nicht vorstellen, dass man eine Stückkostenrechnung auch auf einen Prozess im Krankenhaussegment ansetzen kann. Um eine vernünftige Digitalisierung in einem Prozess durchführen zu können, es ist notwendig, dass ich ihn genau analysiere mit

allen Ausprägungen, die der Prozess durchlaufen kann, ihn mit Werten belege, um dann eine Ertragskraft aus der Digitalisierung herstellen zu können. Da ist sehr viel Überzeugungskraft bei dem Mitarbeiter notwendig, dass in so einer Prozesstechnik vom Menschen weg zu denken, wobei der Mensch natürlich weiterhin im Mittelpunkt steht.

Wo sehen Sie derzeit die Barrieren und Herausforderungen der digitalen Transformation für die Krankenhäuser?

Also eine große Herausforderung sind die hohen Kosten, die aktuell damit verbunden sind. Im Healthcare-Segment sind einige große Platzhirsche unterwegs, die den Preis sehr stark bestimmen und dort auch die Strategien festlegen. Das Healthcare-Krankenhaus-Segment ist sehr konservativ, das heißt neue und innovative Unternehmen und Bestrebungen haben sehr schwierige Startpunkte. Es ist unglaublich schwer, neue Innovationen in diesem Markt platzieren zu können.

Wo sehen Sie die größten Chancen der intersektoralen Vernetzung im Gesundheitswesen?

Wir haben zwei große Marktsegmente im Gesundheitswesen: einmal die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser, die sich per se über ihre Trägerschaft relativ gut vernetzen. Ein zweites Segment sind die privaten Träger, die gar kein Interesse haben an der Vernetzung, sondern in einer Marktkonsolidierung versuchen, die besten Häuser für sich zu gewinnen. Das heißt, eine Vernetzung kann nur über Initiativen, die über die Krankenhäuser hinweggehen, das heißt von Dritten eingebracht werden, wie zum Beispiel eine Marktplatz-orientierte Vernetzung. Sie können sich vorstellen, dass Krankenhäuser sowohl Dienstleister, als auch Leistungserbringer und Leistungsempfänger werden. Und dort in einem gemeinsamen Marktplatz Leistungen miteinander austauschen, um nicht jede Expertise vor Ort haben zu müssen. Ärztlich wird es immer schwieriger, gerade die kleineren ländlichen Krankenhäuser auch mit der Fachkompetenz zu versorgen, um den Menschen im Gesamten gut behandeln zu können.

Wie können Krankenhäuser Ihrer Meinung nach durch eine Überarbeitung der bestehenden IT-Prozesse die Chancen zur Prozesskonsolidierung und -optimierung bestmöglich nutzen?

Eigentlich muss man sagen: alte Zöpfe abschneiden und neu beginnen. Das heißt, oft ist die Weiterverfolgung der jetzigen Strategien, im Prozess gedacht, gar nicht möglich. Man kann die jetzigen Systeme, die das Krankenhaus betreuen, weiter zur Patientenversorgung sicher einsetzen und natürlich muss der Patient zu jederzeit gefahrlos durch die Krankenhausprozesse durchgeschleust werden. Dies ist aber nicht digital, dies sind analoge Prozessen. Eine Wundversorgung ist ein analoger Prozess; da gibt es eine Wund-Dokumentation dazu, es wird ein Foto mit einer Kamera gemacht. Die Systeme, die heute da sind, haben gar keine Möglichkeiten zur digitalen Prozessdarstellung. Das heißt, hier muss man einfach out of the box neu beginnen, um zu sagen: Wie kann man trotz der jetzigen Systeme vielleicht übergeordnet digitale Prozessanalysen, -verwaltungen und Workflows platzieren, die die Kernsysteme nicht behindern, aber aus den Kernsystemen Prozessdaten empfangen.

Ziel ist es ja, alle für die Leistungsprozesse notwendigen Daten in aktueller Form, zu jeder Zeit und an jedem relevanten Ort für die Behandler und für die Patienten zur Verfügung zu stellen. Wie kann die IT bestmöglich zu einer effektiven Datenkommunikation beitragen?

Also das wichtigste ist hier, dass man die Anzahl der Schnittstellen möglichst stark reduziert. Das heißt, die IT muss hier den eigenen Datenpool zu einer Datendrehscheibe ausbilden. Das heißt, alle Systeme, die in den Prozessen da sind, die in einem Krankenhaus platziert werden, dürfen nur mit einem System kommunizieren dürfen und das ist der zentrale Datenspeicher. Dort werden die Daten gesammelt und für die anderen Partner überarbeitet, konvertiert, interpretiert, dass jeder Teil des digitalen Prozesses nur eine Schnittstelle zu

einem Zentralsystem hat. Man muss sich vorstellen: In einem Krankenhaus arbeiten über 100 Softwareprodukte zusammen. Wenn wir alle miteinander vernetzen wollen, hätten wir hunderte von Schnittstellen, die dort gepflegt und auch in der Qualität gesichert werden müssen. Das heißt, die IT muss eigentlich mehr die Aufgabe, nicht des technischen Bereitstellens einer Infrastruktur, sondern sie muss die Rolle übernehmen ‚Ich bin der Datenhändler des Unternehmens oder das Data Warehouse‘, sage ich jetzt mal, auch wenn der Begriff ein bisschen abgeklatscht ist.

Sehen Sie Barrieren bezüglich Usability und Akzeptanz der Technologien? Wie kann diesen Herausforderungen begegnet werden und ist dies eine unbegründete oder eine berechtigte Skepsis?

Ich habe ja vorhin schon gesagt, dass das ein sehr analoger Prozess ist. Und analoge Kräfte in einem Prozess haben natürlich immer Bedenken in der Digitalisierung. Sie wünschen sich eine Digitalisierung, aber es darf sich nicht viel ändern. Digitalisierung verändert aber immer. Das heißt, wenn ich bei einem Patienten eine Wunderversorgung durchführe, mache ich ein Kamerabild, muss auf der Fieberkurve Informationen eintragen. Den Stift hat man in der Tasche, das Blatt hat man unterm Arm klemmen. Die Ängste der Mitarbeiter sind: Steht die Technik denn immer so zur Verfügung, in der Form, wie ich sie zu dem Zeitpunkt brauche? Es sind in der Regel sehr viele Daten, die betrachtet werden müssen. Wie können die Daten auf kleinen Bildschirmen, auf elektronischen Devices in dem Arbeitsprozess genau zum richtigen Zeitpunkt, der richtigen Ausprägung und in der richtigen Schriftgröße beispielsweise zur Verfügung stehen? Das heißt, muss ich meine Brille aufsetzen oder absetzen, kann ich die Prozesse in meinen normalen Alltag integrieren? Auch die Pflege, die Ärzte sind einem immer stärkeren Druck in der Taktung der Behandlung unterzogen. Es gibt immer weniger Pflegekräfte. Es gibt immer weniger Ärzte. Das heißt, der Druck ist da sehr sehr groß, auch effizient zu arbeiten. Die Angst, die Effizienz zu verlieren, weil die Elektronik mich zu sehr hemmt, ist da sehr groß.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.